Man muss die Bestenlisten nicht ersetzen, aber man darf sie ergĂ€nzen. In den letzten 20 Jahren entstanden gute Filme, die einen Platz in der Filmgeschichte verdienen. Sei es, weil sie eine außergewöhnliche Machart besitzen, eine ungewöhnliche Struktur oder einfach nur eine­ brillante, fesselnde Geschichte. Diese Filme, die in ihrem jeweiligen Genre technische Grenzen eingerissen und auf innovative Art neue Themen ausgelotet haben, brauchen den direkten Vergleich mit den Altvorderen nicht zu scheuen. Höchste Zeit also, einige Filmklassiker des Hollywood-Films mit ihren modernen Pendants zu vereinen.

Science Fiction/Fantasy

Die Herr der Ringe-Trilogie (2001-2003) ist fĂŒr die heutige Generation das prĂ€gende Kinoerlebnis, wie es Krieg der Sterne (1977) in den 70ern war, und wird auf Jahre hinweg Filmemacher beeinflussen. Der grĂ¶ĂŸte Unterschied ist der Mut zur DĂŒsternis, der auch The Dark Knight (2008) vom bisherigen Comicfilm-Meilenstein Superman (1978) abhebt. Selbst beim Horror dominiert nun Nihilismus, wie The Descent (2005) schön illustriert, der eine konsequente Weiterentwicklung des Monsterhorrors Ă  la Der weiße Hai (1975) darstellt. Denn die Ängste bleiben gleich. Dass Maschinen die Weltherrschaft ĂŒber­nehmen, thematisiert The Matrix (2003) heute ebenso wie frĂŒher 2001 (1968) und Blade Runner (1982).

Kriegsfilm

Der Kriegsfilm ist mehr als jedes andere Genre ein Produkt seiner Zeit. Die durch die Hölle gehen (1978), Apocalypse Now (1979) und Platoon (1986) verarbeiteten das Vietnam-Trauma, das fĂŒr viele Soldaten heute wie in The Hurt Locker (2009) das Irak-Trauma ist. Andere LĂ€nder, andere Kriege: Pans Labyrinth (2006) lĂ€sst ein MĂ€dchen vor den Grauen des spanischen BĂŒrgerkriegs in eine Traumwelt fliehen, der israelische Waltz with Bashir (2008) zeigt den ersten Libanonkrieg. Weltweit drehen sich die meisten Khaki-Filme seit jeher um den Zweiten Weltkrieg. Von Das Boot (1981) ĂŒber Schindlers Liste (1993) bis Der Soldat James Ryan (1998).


Western/Abenteuer

"Spiel mir das Lied vom Tod" (1968)

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"Spiel mir das Lied vom Tod" (1968)

Echte Kerle saufen, singen und essen Bohnen. Wissen wir seit Der schwarze Falke (1956) und Rio Bravo (1959). Und fanden im Zelt ihren verdienten Schlaf... bis Brokeback Mountain (2005), als das Homo-Tabu fiel, mit dem zuvor Abenteuer wie Fluch der Karibik (2003) nur kokettierten. Dass es auf See auch seriöser zuging, zeigte im gleichen Jahr Master and Commander. Das historisch korrekte Epos erinnert an Lawrence von Arabien (1962) - nur mit Schiffen statt WĂŒstenschiffen.


Musical

"The Rocky Horror Picture Show" (1975)

Verleih

"The Rocky Horror Picture Show" (1975)

Mit einem Knall katapultierte Baz Luhrmann 2001 das angestaubte Musicalgenre in die Moderne. Moulin Rouge setzt auf rasante Schnitte, fetzige Popsongs und Musikvideo-Optik - ein krasser Gegensatz zu braven Klassikern wie Singin' in the Rain (1952), Top Hat (1935) oder Lars von Triers Dancer in the Dark (2000), der mit tristen Bildern einen Kontrast zum bunten Showmusical schafft; die hypnotische Musik Björks erreicht dabei eine Sogwirkung wie damals die schmissigen Songs aus West Side Story (1961). Dessen Kultcharakter erreichte 14 Jahre spĂ€ter noch mal die Rocky Horror Picture Show. Mit Sweeney Todd bekam das Grusicalgenre 2007 einen wĂŒrdigen Nachfolger.


Thriller/Gangsterfilm

Ein Film ist nur so gut wie sein Bösewicht, sagte Hitchcock und schuf mit Norman Bates in Psycho (1960) das Vorbild aller Psychopathen. Etwas mehr Intellekt darf's inzwischen schon sein, beweisen Hannibal Lecter in Das Schweigen der LĂ€mmer (1991) und Gangsterboss Keyser Soze in Die ĂŒblichen VerdĂ€chtigen (1995). Ob Detektiv Humphrey Bogart (Der Malteser Falke,1941) die TĂ€ter von heute zur Strecke gebracht hĂ€tte? Ohne Korruption scheint es nicht mehr zu gehen, das zeigen die Film-noir-Nachfolger L. A. Confidential (1997) und Sin City (2005). Die Comic-Adaption bricht wie auch Pulp Fiction (1994) und Memento (2000) mit klassischen ErzĂ€hlstrukturen. Etwas, was auch schon die unerreichte Pate-Trilogie (1972-1990) mit ihren RĂŒckblenden wagte.

Drama

"Titanic" (1997)

20th Century Fox

"Titanic" (1997)

FĂŒr die Nutzer der Internet Movie Database ist Die Verurteilten (1994) der beste Film aller Zeiten. Wohl weil es seit Ist das Leben nicht schön? (1946) kaum einen Film mit lebensbejahenderer Botschaft gab. In Beziehungsfragen sind Happy Ends dagegen unerwĂŒnscht. Casablanca (1942) und Vom Winde verweht (1939) wurden ebenso mit herzzerreißenden Abschieden zum Hit wie spĂ€ter Lost in Translation (2003) oder Titanic (1997). Denn gutes Drama lebt von emotionaler Bandbreite. Ideal dafĂŒr sind Aufstieg und/oder Fall des Protagonisten, wie frĂŒher bei Citizen Kane (1941) oder Wie ein wilder Stier (1980) und heute in There will be blood (2007).


Kinderfilm/Animationsfilm

"Zeichentrick, was'n das?", mögen Kinder heute fragen. Denn seit Toy Story (1995) hat der Computer den Bleistift abgelöst und damit ein Genre revolutioniert, das mit Schneewittchen und die sieben Zwerge 1937 seinen Anfang nahm. WĂ€hrend Pixar das Animationszepter ĂŒbernommen hat, besinnt sich das japanische Studio Ghibli noch auf die alte Kunst. Chihiros Reise ins Zauberland (2001) Ă€hnelt in der Handlung dem Zauberer von Oz (1939), macht durch tiefsinnige Metaphern den Kinderfilm aber fĂŒr Erwachsene interessant. Das gelang auch Ein Schweinchen namens Babe (1995) - es löste dabei Lassie (1946) als beliebtesten tierischen Hauptdarsteller ab.

Komödie

"Manche mögen

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"Manche mögen's heiß" (1959)

Die Jagd nach Frauen ist seit jeher ein großartiger Fundus fĂŒr Komödien. 1959 war man in Manche mögen's heiß verrĂŒckt nach Marilyn - 39 Jahre spĂ€ter dann eben VerrĂŒckt nach Mary. Der Witz ist hier weniger subtil, aber diese Kunst ist moder­nen Komödienmachern insgesamt abhandengekommen. Filme wie Juno (2007) oder Die Truman Show (1998), in der Jim Carrey wie einst Charlie Chaplin in Moderne Zeiten (1937) zum Opfer der Technik wird, muss man mit der Lupe suchen. Wenigstens im Feld der Schwarzen Komödie haben wir mit den Coen-BrĂŒdern moderne Meister. Ihr aus dem Ruder gelaufenes Verbrechen in Fargo (1996) braucht sich hinter Arsen und Spitzen­hĂ€ubchen (1944) nicht zu verstecken. Und Quentin Tarantino bewies mit Inglourious Basterds (2009), dass man heute noch eine Nazi-Groteske drehen kann, die auf einer Stufe mit FrĂŒhling fĂŒr Hitler­ (1968) und Sein oder Nichtsein (1942) steht.


RĂŒckblick: Einst rannten die Menschen vor Schreck aus dem Kino, als die GebrĂŒder LumiĂšre die Ankunft eines Zuges (1895) auf der Leinwand zeigten. Heute kippen die Leute dabei höchstens vor Langeweile vom Stuhl.

Denn kein anderes Medium hat sich technisch wie erzĂ€hlerisch so schnell entwickelt wie der Film. Mit der Folge, dass sich unsere Sehgewohnheiten in ĂŒber 100 Jahren Filmgeschichte so verĂ€ndert haben, dass aus Meisterwerken MuseumsstĂŒcke geworden sind.

Entsprechend gealtert prĂ€sentieren sich auch die meisten Best-of-Listen. Stummfilme wirken befremdlich in ihrer Thea­tralik, 30er-Jahre-Monster gehören eigentlich in die Puppenkiste, und die frĂŒhen Science-Fiction-Raumschiffe sehen aus wie aus dem Spielzeugladen um die Ecke. Klassiker wie "Metropolis" oder "Citizen Kane" bleiben zwar Geniestreiche ihrer Zeit, aber das Kinopublikum von heute - echte Cineasten ausgenommen - halten sie nicht mehr in Atem.